Sie wuchs mit jedem Tag und begann allmählich, die Welt um sich herum zu erforschen.

Lange glaubte sie, die große Steinhalle sei die ganze Welt. Und dort fühlte sie sich wohl, dort saß sie so geborgen. Ronja gefiel es, wenn die Räuber abends vor dem Feuer sangen. Das Feuer ging empor in freudigen Gestalten, aus der dunklen Wiege, wo es schlief, und seine Flamme steigt und fällt, und bricht sich und umschlingt sich freudig wieder, bis ihr Stoff

verzehrt ist, nun raucht und ringt sie und erlischt; was übrig ist, ist Asche. So geht’s mit uns. Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen, wie der Mensch. Und Ronja ging. Wie hatte sie nur denken können, dass die große Steinhalle die ganze Welt sei? Nicht einmal der hohe Mattisberg war die ganze Welt, nein, die Welt war viel größer.

Wenn wir die Welt anschauen und wenn wir sie hören, dann haben wir den Eindruck, dass sie da draußen ist und dass sie real ist. Wenn wir die Welt mit unserem Willen erkennen, dann wissen wir, dass sie gar nicht so sehr »da draußen« oder »real« ist, wie wir glauben (Castañeda).

Sie war so, dass einem der Atem stockte. Es war kaum zu glauben – wahr und wahrhaftig, es gab große Bäume und große Gewässer, und alles war voller Leben, musste man da nicht lachen! Heilige Natur! Du bist dieselbe in und außer mir. Sie folgte dem Pfad geradewegs hinein in den wildesten Wald und kam zum Weiher. Was ist der Mensch? Wie kommt es, dass so etwas in der Welt ist, das wie ein Chaos, gährt, oder modert, wie ein fauler Baum, und nie zu einer Reife gedeiht? Zu den Pflanzen spricht er: ich war auch einmal wie ihr! Und zu den reinen Sternen: ich will werden, wie ihr, in einer anderen Welt! Inzwischen bricht er auseinander und treibt hin und wieder seine Künste mit sich selbst. O ihr Armen, die ihr das fühlt, die ihr auch nicht sprechen möchtet von menschlicher Bestimmung, die ihr auch so durch und durch ergriffen seid vom Nichts, das über uns waltet, so gründlich einseht, dass wir geboren werden für Nichts, dass wir lieben ein Nichts, glauben an Nichts, uns abarbeiten für Nichts, um mälig überzugehen ins Nichts.

Doch wenn ich also auf der Ebene totaler Authentizität erkannt habe, dass der Mensch ein Wesen ist, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht, dass er ein freies Wesen ist, das unter den verschiedensten Umständen nur seine Freiheit wollen kann, habe ich gleichzeitig erkannt, dass ich nur die Freiheit der anderen wollen kann (Sartre).

Dass man werden kann, wie die Kinder, dass noch die goldne Zeit der Unschuld wiederkehrt, die Zeit des Friedens und der Freiheit, dass doch eine Freude ist, eine Ruhestätte auf Erden!

Und dann brach der Frühling wie ein Jubelschrei über die Wälder und der Fluss brauste und schäumte mit allen seinen Strudeln und Wirbeln und sang ein wildes Frühlingslied, das nie verstummte. Und endlich konnte auch Ronja wieder in ihren Wald, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte. Der Frühling ist neu, aber er ist, wie er immer war (πάντα ῥεῖ).

Der Mensch, der nicht wenigstens im Leben einmal volle lautre Schönheit in sich fühlte, wenn in ihm die Kräfte seines Wesens, wie die Farben am Irisbogen, in einander spielten, der nie erfuhr, wie nur in Stunden der Begeisterung alles innigst übereinstimmt, der Mensch wird nicht einmal ein philosophischer Zweifler werden. Leuchtet aber das Göttliche έν διαφέρειν έαυτώ, das Ideal der Schönheit, der strebenden Vernunft, so fordert sie nicht blind, und weiß, warum, wozu sie fordert.

Die bleibende Aufgabe des Philosophierens ist: eigentlich Mensch werden dadurch, dass wir des Seins innewerden. Jederzeit ist das Ziel die Unabhängigkeit des Menschen zu gewinnen. Er gewinnt sie durch Bezug auf das eigentliche Sein. Er gewinnt die Unabhängigkeit von allem, was in der der Welt vorkommt, durch die Tiefe der Gebundenheit an die Transzendenz und die in ihr offenbar werdende Unbedingtheit der Liebe, die aus ihrer Vernunft unendlich aufgeschlossen sieht, was ist und in den Realitäten der Welt die Chiffern der Transzendenz zu lesen vermag (Jaspers).

Lasst uns gemeinsam ausbrechen und wildgestalten, basierend auf dem Bedürfnis, auf die Umwelt bezogen zu sein, ihr Interesse, Liebe und Solidarität entgegenzubringen, mit der Bereitschaft, alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein (Fromm).

Und Ronja schrie, gellend wie ein Vogel, es war ein Jubelschrei, den man weithin über den Wald hörte. (Lindgren) (Hölderlin)

Literaturverzeichnis

Castañeda, Carlos. Eine andere Wirklichkeit. Neue Gespräche mit Don Juan. Fischer , 1973.

Fromm, Erich. Haben oder Sein. München: dtv, 1979.

Hölderlin, Friedrich. Hyperion . Zürich: Rhein-Verlag A.G., 1941.

Jaspers, Karl. Einführung in die Philosophie. München: R. Piper & Co., 1971.

Lindgren, Astrid. Ronja Räubertochter. Hamburg: Friedrich Oetinger, 1982.

Sartre, Jean-Paul. Ist der Existenzialismus ist ein Humanismus? Zürich: Europa Verlag, 1947.